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Während wir schlafen

Den Tagen zwischen den Jahren haftet etwas Wunderbares, Märchenhaftes und Geheimnisvolles an. Sie scheinen nur noch sehr lose mit unserer Wirklichkeit verbunden und man ahnt die Welt dahinter. Wer genau hinhört, meint überall Glöckchen klingen zu hören. Was man in diesen Tagen anfängt und zu Ende bringt, wird nicht nur gut. Es bleibt, wenn es etwas Beständiges ist, stets ein bisschen zauberhaft. Wenn es aber gelingt, den Zauber dieser Tage irgendwo tief im Herzen zu bewahren, dann lebt es sich im kommenden Jahr wieder ein bisschen leichter. Freilich darf man sich nicht mit Haut und Haaren gleich wieder den gewöhnlichen Geschäften hingeben und es versteht sich eigentlich von selbst, dass alles, was lauter ist als der feine Klang der Glöckchen, den Vorhang zerreißt und den Zauber zerstört.

Wenn man also nicht geschäftig draußen herumläuft oder lärmt, hat man die nötige Muße, um sich dem Märchenhaften hinzugeben. Dem Märchen von Dornröschen zum Beispiel. Ich fand es ja immer fast schon zynisch, den Todesfluch der bösen Fee in hundertjährigen Schlaf abzumildern. Wäre nicht auch ein einjähriger Schlaf genug gewesen? Gerade eben ist mir aber klar geworden, dass es für den Schläfer keinen Unterschied macht, ob man nun eine Nacht, ein Jahr oder einhundert Jahre schläft. Man schläft ein und wacht wieder auf und die Zeit dazwischen spielt keine Rolle, wenn alle anderen -wie bei Dornröschen der Fall- auch geschlafen haben.

Das wäre eine schöne Therapie für unseren geschundenen Planeten, wenn wir alle in einen einhundertjährigen Schlaf fielen. In einhundert Jahren könnte sich schon eine ganze Menge wieder einrenken. Sind die hundert Jahre um, geht es natürlich gleich weiter, mit Verbrennern, die über Straßen donnern, mit Böllern zu Silvester und vor allem mit den Ohrfeigen. Aber ein bisschen hätte sich die Erde vielleicht regeneriert und wenn dann wieder die wunderbaren Tage zwischen den Jahren kommen, wird die nächsten hundert Jahre geschlafen.

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