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Die Höhepunkte des Jahres

„Wenn Mutti früh zur Arbeit geht, dann bleibe ich zu Haus. Ich binde eine Schürze um und feg die Stube aus.“ So geht ein DDR-Kinderlied, in das ich als Kind wahrscheinlich unreflektiert und kritikunfähig eingestimmt habe. Jetzt treibt mir dieser Gedanke die Schamesröte ins Gesicht. Denn heutzutage fragt doch wohl jedes Kind gleich erst einmal, von wessen Lebenswirklichkeit in diesem Machwerk die Rede ist? Denn auch und gerade in der DDR hätte keine Mutti ihr vier, fünf oder auch sechsjähriges Kind allein zu Hause gelassen und wäre zur Arbeit gegangen. Das Kind wurde in den Kindergarten gebracht, wo es dann den ganzen Tag solcherlei realitätsfremde Lieder lernen musste.

Nein, das Lied beschreibt ganz offensichtlich die Situation eines Papas während seiner Vollzeit-Elternschaft. „Das Essen kochen kann ich nicht, dafür bin ich zu klein. Doch Staub hab ich schon oft gewischt, wie wird sich Mutti freu’n.“ Es ist in der Tat so, dass die Zubereitung der warmen Hauptmahlzeit nicht zu meinen Aufgaben gehört. Unter dem Vorwand, das Abendbrot vorzubereiten, kocht die Mutti (meine schöne Frau) am Abend vor, während ich das Kleinkind hinter verschlossener Tür beaufsichtige, damit sie ihre zwei Hände zur freien Verfügung hat. Die beiden großen Kinder müssen wir in dieser Zeit vor dem Fernseher sedieren. Wie dann trotzdem das Abendbrot auf den Tisch kommt, bleibt ein Mysterium.

Ohne den Fernseher – oder besser ohne Streaming-Dienste – müssten wir zu den Großeltern ziehen. So überschreiten wir zwar sehenden Auges die empfohlenen Obergrenzen für den Medienkonsum bei Kindern, bekommen aber wenigstens das Essen auf den Tisch. Das Essen selbst hat wieder nur ganz, ganz selten oder nie etwas mit dem zu tun, was ich mir unter einer gemeinsamen Mahlzeit vorstelle. Aber es findet statt und wird, wie alles andere auch, früher oder später und vor allem mühsam gelernt. Von allen Beteiligten. Und irgendwann, da bin ich mir ganz sicher, wird unsere gemeinsame Mahlzeit zu den Höhepunkten des Tages gehören. Und dann, wahrscheinlich viel zu bald, zu denen des ganzen Jahres.

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