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Die Erleuchtung

Es mag an einem der Tage nach Neujahr gewesen sein, da lag ich im Bett auf dem Rücken und dachte nach. Es war früher Morgen und ich repetierte die Beziehung zwischen Masse und Gewicht. Mir war klar, dass die Masse eine Eigenschaft der Materie ist, die sich nicht verändert, sieht man von relativistischen Effekten ab, die aber in unserem Alltag keine Rolle spielen. Das Gewicht hingegen bezeichnet die Kraft, mit der ein Körper von einem anderen angezogen wird und ist nach dem 2. Newtonschen Gesetz das Produkt aus Masse und Beschleunigung. Wenn sich nun meine Masse nicht verändert, mein Gewicht aber nach den Feiertagen eben schon, muss es zweifelsohne an der Beschleunigung liegen.

Was war also passiert? Schon klar, wir leben hastig. Offenbar gerade und besonders in der zurückliegenden Adventszeit und an den Feiertagen. Statt zu entschleunigen, leben wir immer schneller, was sich gemäß der Newtonschen Axiome ganz fatal auf unser Gewicht auswirkt. Es ist ja auch so: Kaum hat man sich gemächlich zu einer Mahlzeit niedergelassen, drängelt auch schon jemand, man müsse nun hinaus, ins Offene, sich bewegen und schnellstmöglich Gewicht abtrainieren. Als ob die Zunahme der Gewichtskraft irgendetwas mit der Menge und Beschaffenheit von Nahrungsmitteln zu tun hätte. Das ist nichts als gefährlicher Aberglaube, denn wenn schon das Essen schuld sein soll, dann bitteschön das hastige Essen. Nein es ist die Bewegung, denn um aus der Ruhe in Bewegung zu kommen, muss man eben erst mal beschleunigen.

Aber sei’s drum. All das ging mir durch den Kopf, als ich da wunderbar entschleunigt im Bett auf dem Rücken lag. Ohne Beschleunigung wäre mein Körper reine Masse und jeder Gewichtskraft ledig, die ihn nach unten zieht und dabei so hässlich und unansehnlich verformt. Ich müsste mein Leben fortan nach diesen Erkenntnissen gestalten, also konsequent entschleunigen und mich nurmehr der Langsamkeit und Ruhe hingeben. Während sich der weitere Fortgang meines Lebens so vor meinem geistigen Auge fortspann, hörte ich dicht neben mir ganz deutlich ein Flüstern: „Papi!“ Ich lag also gar nicht neben meiner schönen Frau im großen Bett auf dem Rücken, sondern offenbar neben meinem ältesten, knapp sechsjährigen Sohn. „Was ist??“ flüsterte ich zurück. Und da sprach er es aus, das Unaussprechliche, so rein und klar, so vollendet und dabei doch so einfach, so wahr, wie etwas nur wahr sein konnte. Vollkommen selig von seiner Erkenntnis, die ihn von Gott weiß woher plötzlich erleuchtete, flüsterte er noch einmal: „Neun plus neun ist achtzehn.“

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