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Zähne putzen

Zwei Tage noch. Endlich. Irgendwie aber auch schade. Täglich zu schreiben ist eine schöne Übung geworden. Bei der Professionellen Zahnreinigung wird man gefragt, wie oft man sich denn den Zahnzwischenräumen widmet. Am Anfang antwortete ich wahrheitsgemäß, immer wenn es Fleisch gab. Dann fing ich an, zu lügen: Einmal pro Woche. „Das reicht nicht.“ Dann beim nächsten Mal eben zweimal pro Woche. „Reicht auch nicht“. Wieso sagen sie denn nicht, wie oft reichen würde? Irgendwann kommt man von selbst dahinter. Man muss es jeden Tag machen. Alles andere ist, als ob man es nicht gemacht hätte. Schade um die Mühe.

So muss man auch schreiben. Einmal ist keinmal. Und: wie soll ich wissen, was ich denke, ehe ich lese, was ich schreibe. Es ist, wie Zähne putzen. Es bewahrt einen davor, Selbstgespräche führen zu müssen oder seine Gesellschaft mit endlosen Monologen zu langweilen. Stattdessen sitze ich abends mit meiner schönen Frau auf der Couch und wir gucken einen Weihnachtsfilm. „Charles Dickens. Der Mann der Weihnachten erfand.“ Auch Dickes musste schreiben, aber bei ihm war es etwas Existenzielles. Er hätte nicht leben können, ohne zu schreiben. Er hätte sich vielleicht in seinen Geschichten verloren, ohne zu wissen, dass es Geschichten sind. Er hätte den Bezug zur Realität verloren.

Meine schöne Frau weiß jetzt, was ich durchmache, wenn ich mich zum Scheiben zurückziehe. Nachdem wir gemeinsam diesen Film gesehen haben, kennt sie den Leidensdruck eines Autors und wird noch mehr als bisher versuchen, mir an unserer Familienfront den Rücken freizuhalten. Aber Dickens schrieb anders. Er schrieb auch über sich, aber nicht so vordergründig. Aus den Tiefen seiner Seele heraus erschuf er die Figuren seiner Geschichten und indem er sich mit ihnen auseinandersetzte, bekam er es mit sich selbst zu tun. Ob ihm das so klar war, kann man nicht wissen. Wahrscheinlich nicht. Vielleicht ist schreiben doch nicht wie Zähne putzen. Es kann einen auch krank machen und sogar vernichten. Zwei Tage noch.

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